1. Ratgeber
„Früher habe ich möglichst wenig gesprochen.“
- Ein Film über Stottern im Alter -
Für Multiplikatoren und Ehrenamtliche der Seniorenarbeit, des Gesundheitswesens und der Selbsthilfe
Kurzbeschreibung
Wie gehen Menschen in der dritten Lebensphase mit ihrem Stottern um? Was empfinden sie bei auftretenden Sprechblockaden? Wie waren ihre Sozialisationsbedingungen und die biografischen Erfahrungen? Was war früher anders und wie war früher das Bild des Stotternden in der Gesellschaft? Welche Hilfsangebote können ältere Stotternde heute in Anspruch nehmen und wie können sie ihr Stottern positiv verändern? Neben älteren Stotternden äußern sich Fachleute wie Therapeuten, Logopäden, Pädagogen und Ehrenamtliche aus der Stotterer-Selbsthilfe zu diesen und weiteren Fragen rund um das Thema Stottern.
Der Film entstand mit Unterstützung der Selbsthilfe-Senioreninitiative „Initiative Morgentau“. Er wendet sich an ältere Stotternde und an Menschen, die beruflich oder ehrenamtlich mit älteren Menschen zu tun haben.
Film & Begleitbroschüre
Der Film hat eine Länge von 61 Minuten und ist in sechs Kapitel eingeteilt:
1. „Was ich fühle, wenn ich stottere.“
2. „Ich kenne einige ältere Stotternde, die im Rückzug leben.“
3. „Früher bin ich oft gehänselt worden.“
4. „Lass´ mich bitte ausreden!“
5. „Kommt für mich eine Therapie in Frage?“
6. „Experten in eigener Sache“
Zusätzlich ist dem Film eine 44-seitige Begleitbroschüre beigefügt.
Wie kam es zu diesem Film?
2005 gründeten ältere Stotternde innerhalb der Stotterer-Selbsthilfe die „Initiative Morgentau“. Die Stotternden aus der Generation 50 Plus wollten ihre altersspezifischen Interessen besser umsetzen, Kontakte knüpfen, Seminare und Gesprächskreise abhalten und gemeinsam in der Freizeit etwas unternehmen. Darüber hinaus hatten sie das Ziel, die Gesellschaft durch Öffentlichkeitsarbeit über die besonderen Probleme von Stotternden aufzuklären.
Bereits kurz nach Gründung der Initiative erhielt ich eine Anfrage, ob man nicht einen Film zum Thema „Stottern im Alter“ drehen könnte. Ein inhaltliches Konzept gab es noch nicht, und Geld für die Umsetzung war auch noch nicht vorhanden. Aber die Idee, ein solches Projekt zu realisieren, fand ich von Anfang an sehr interessant. Nach ersten Recherchen stellte ich fest, dass es zum Thema „Stottern im Alter“ so gut wie nichts gibt, weder wissenschaftliche Untersuchungen noch Ratgeber-Literatur, geschweige denn Filme.
Dankenswerterweise brauchte ich keine große Überzeugungsarbeit zu leisten, um die Stotterer-Selbsthilfe NRW e.V. ins Boot zu holen und als Projektträger zu gewinnen. In Zusammenarbeit mit Udo Stier entstand ein Filmkonzept, das von AKTION MENSCH eine Förderung für einen Lehrfilm erhielt. Rudolf Gier-Seibert komplettierte das Filmteam, und Ende 2008 konnte die Produktion beginnen. Wie schon gesagt, zum Thema „Stottern im Alter“ gab es nichts, worauf wir zurückgreifen konnten. Zunächst versuchten wir, uns über den Zusammenhang von „Alter und Behinderung“, zu dem schon eher Literatur zu finden ist, dem eigentlichen Thema zu nähern. Aber auch dieser Weg war nicht unproblematisch, denn Stottern wird nach wie vor nicht als Behinderung im landläufigen Sinne gesehen. Außerdem denkt bei der Wortkombination „Alter & Behinderung“ kaum jemand an Stotternde. Demgegenüber empfinden Stotternde ihr Handicap oft als echte Beeinträchtigung und stellen sich Fragen wie: Welche Bedeutung hatte das Stottern fuür mein Leben? Wäre es ohne Stottern anders verlaufen? In welcher Hinsicht belastet mich mein Stottern heute noch? Kann ich als älterer Mensch noch etwas daran ändern?
Ausgehend von den besonderen Sozialisationsbedingungen und biografischen Erfahrungen der heute 55- bis 80-jährigen Stotternden geht der Film solchen Fragestellungen nach. Er gibt Einblicke in das Leben und die Welt älterer Stotternder und vermittelt Tipps zum Umgang mit dem Stottern und zur Kommunikation zwischen Stotternden und Nicht-Stotternden.
Angaben zu den Filmautoren:
Rudolf Gier-Seibert lebt in Münster.
Nach seinem Abschluss an der Fachhochschule Münster für Sozialwesen arbeitet er seit den 90er Jahren als Filmemacher und Medienpädagoge. Mitbegründer der Filmproduktion mauritz_filmteam
Udo Stier lebt und arbeitet in Münster.
Nach seinem abgeschlossenen Lehramtsstudium in den Fächern Chemie und Sport arbeitete er in verschiedenen Berufen und ist seit zwölf Jahren als Altenpfleger tätig. Als Betroffener engagiert er sich seit 30 Jahren in der Stotterer-Selbsthilfe und leitet dort u.a. die Jugendseminare.
Michael Kofort arbeitet in Münster und Köln.
Nach seinem Studium der Sozialarbeit in Münster arbeitete er als Sozialarbeiter, Medienpädagoge und Filmemacher. Seit 2006 ist er als Verlagsmitarbeiter in der Informations- und Beratungsstelle Stottern in Köln tätig.
Aus dem Inhalt der Broschüre:
Inhaltsverzeichnis der Broschüre:
Vorwort
Stottern – Eine kurze Einführung
Das Stottern in meinem Leben
Kerstin Weikert
Akademische Sprachtherapeutin und Kinder- und
Jugendlichenpsychotherapeutin
„Stottern ist eine Sache, die ich in mein
Leben integriert habe und die mich nur
noch wenig belastet.“
Ein Interview mit Helmut Hädrich
Kommunikation mit stotternden Menschen
Interview mit Angelika Schindler
Akademische Sprach- und LRS Therapeutin dbs,
Sprachheilpädagogin
Bücherliste
Adressen
Vorwort zur Broschüre
2005 gründeten ältere Stotternde innerhalb der Stotterer-Selbsthilfe die „Initiative
Morgentau“. Die Stotternden aus der Generation 50 Plus wollten ihre altersspezifischen Interessen besser umsetzen, Kontakte knüpfen, Seminare und Gesprächskreise abhalten und gemeinsam in der Freizeit etwas unternehmen. Darüber hinaus hatten sie das Ziel, die Gesellschaft durch Öffentlichkeitsarbeit
über die besonderen Probleme von Stotternden aufzuklären.
Bereits kurz nach Gründung der Initiative erhielt ich eine Anfrage, ob man nicht einen Film zum Thema „Stottern im Alter“ drehen könnte. Ein inhaltliches Konzept gab es noch nicht, und Geld für die Umsetzung war auch noch nicht vorhanden. Aber die Idee, ein solches Projekt zu realisieren, fand ich von Anfang an sehr interessant.
Nach ersten Recherchen stellte ich fest, dass es zum Thema „Stottern im Alter“ so gut wie nichts gibt, weder wissenschaftliche Untersuchungen noch Ratgeber-
literatur, geschweige denn Filme. Mir war sofort klar: Das ist absolutes Neuland.
Dankenswerterweise brauchte ich keine große Überzeugungsarbeit zu leisten, um die Stotterer-Selbsthilfe NRW e.V. ins Boot zu holen und als Projektträger zu gewinnen. In Zusammenarbeit mit Udo Stier entstand ein Filmkonzept, das von AKTION MENSCH eine Förderung für einen Lehrfilm erhielt. Rudolf Gier-Seibert komplettierte das Filmteam, und Ende 2008 konnte die Produktion beginnen.
Wie schon gesagt, zum Thema „Stottern im Alter“ gab es nichts, worauf wir zurückgreifen konnten. Zunächst versuchten wir, uns über den Zusammenhang von „Alter und Behinderung“, zu dem schon eher Literatur zu finden ist, dem eigentlichen Thema zu nähern. Aber auch dieser Weg war nicht unproblematisch, denn Stottern wird nach wie vor nicht als Behinderung im landläufigen Sinne gesehen. Außerdem denkt bei der Wortkombination „Alter & Behinderung“ kaum jemand an Stotternde. Demgegenüber empfinden Stotternde ihr Handicap oft als echte Beeinträchtigung und stellen sich Fragen wie: Welche Bedeutung hatte das Stottern für mein Leben? Wäre es ohne Stottern anders verlaufen? In welcher Hinsicht belastet mich mein Stottern heute noch? Kann ich als älterer Mensch noch etwas daran verändern? Ausgehend von den besonderen Sozialisationsbedingungen und biografischen Erfahrungen der heute 55- bis 80-jährigen Stotternden geht der Film solchen Fragestellungen nach. Er gibt Einblicke in das Leben und die Welt älterer Stotternder und vermittelt Tipps zum Umgang mit dem Stottern und zur Kommunikation zwischen Stotternden und Nicht-Stotternden. Besonders bedanken möchten wir uns bei Aktion Mensch für die großzügige Förderung. Unser Dank gilt außerdem allen, die uns mit Rat und Tat zur Seite standen, den Akteuren des Films und ganz besonders den Mitwirkenden der „Initiative Morgentau“ und unserem Hauptdarsteller Jürgen Dorow aus Hamburg.
Michael Kofort
Textauszug aus der Broschüre:
Das Stottern in meinem Leben
Kerstin Weikert
„Das Stottern spielt in meinem Leben eine zentrale Rolle“, sagt Katja, eine 25jährige Klientin, in der Therapie. „Es hat alles, einfach alles beeinflusst. Meine Schullaufbahn, meine Berufswahl, meine Freunde und mein Familienleben. Die Angst zu stottern ist einfach riesig. Dabei wissen manche meiner Freunde gar nicht, dass ich stottere, meine Arbeitskollegen übrigens auch nicht. An manchen Tagen, wenn das Telefon im Büro klingelt, überlege ich ständig, wie ich es schaffen kann, nicht an den Apparat zu gehen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass das Stottern auf mein Leben mal keine Auswirkungen mehr hat. Vielleicht im Alter einmal, wenn alles gelaufen ist. Dann ist sowieso alles egal. Oder ich vereinsame total, denn wer will dann noch mit jemandem sprechen, der sich nicht richtig ausdrücken kann? Das ist ja jetzt schon schwierig genug.“
Welchen Einfluss hat das Stottern auf das Leben der Betroffenen? Gibt es Lebensabschnitte, die durch das Stottern besonders schwierig zu gestalten sind? Oder ist das Stottern nur ein kleiner Baustein im großen Ganzen? Aus Einzelfallstudien (Weikert 1996) und Berichten von Betroffenen ist bekannt, dass die Zeit von der Kindheit bis zum jungen Erwachsenenalter, also ungefähr zwischen dem 6. und 25. Lebensjahr, der Abschnitt mit der größten Belastungsrelevanz ist. Dies ist die Zeit, in der sich das Stottern ausbildet, und es ist die Zeit der Persönlichkeitsentwicklung und der Selbstfindung. Stottern kann sich negativ auf verschiedene Lebensbereiche auswirken. Viele Betroffene leiden sehr unter den eingeschränkten kommunikativen Möglichkeiten. Insbesondere während der Schul- und Ausbildungszeiterleben sie häufig einen erhöhten kommunikativen Druck, dem sie sich nicht immer gewachsen fühlen. Später scheint sich die Belastung durch das Stottern abzuschwächen, und bei vielen tritt es in den Hintergrund. Studien zur Bedeutung des Stotterns im Alter und seinen Auswirkungen auf die Lebenssituation existieren nicht. Es ist ganz grundsätzlich – und besonders aus wissenschaftlicher Sicht – ausgesprochen schwierig, exakt zu erfassen, welche konkreten Auswirkungen das Stottern auf den Lebensstil, die Lebensplanung und das Leben insgesamt hat. Es bestehen zu viele Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Faktoren, und es handelt sich um ein Forschungsgebiet, in dem sich Fragen über Fragen häufen. Wer kann schon ermessen, welche Auswirkungen der Faktor „Stottern“ auf etwas so Facettenreiches und Unergründliches wie das menschliche Leben hat? Und wen interessiert es, wer was in welchem Lebensabschnitt empfindet? Und dann auch noch im Alter, wenn das Leben seinem Ende zugeht? Die Betroffenen natürlich. Die Therapeuten weniger, denn ihre Zielgruppe sind die jungen
Stotternden, die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen bis 50. Ein Alter, in dem sich noch etwas erreichen lässt. Ein Alter, in dem es sich noch lohnt, etwas zu unternehmen. Oder sind die älteren Stotternden die unterschätzte Klientengruppe? Müssen sie erst entdeckt werden?
Die Stotterer-Selbsthilfebewegung ist in die Jahre gekommen, und ihre Bundesvereinigung feierte 2009 ihr 30-jähriges Bestehen. Auch die Mitglieder sind mit der Selbsthilfebewegung gealtert. Insider können auf den Bundestreffen und im „Kieselstein“ beobachten, wer wieder einige graue Haare mehr bekommen hat und wessen Gesicht nicht mehr ganz so frisch strahlt wie noch vor fünf Jahren. Doch wie steht es mit dem Stottern? Wird es immer weniger? Hat es im Alter an Relevanz verloren, wie man vermuten kann, weil in den sprachtherapeutischen und logopädischen Praxen nur selten ältere Stotternde nach einer Therapie fragen? Die Generation 50+ ist hier so gut wie nicht vertreten. Menschen über 60 tauchen erst recht nicht auf. Oder verstärken sich die vorhandenen Probleme mit dem Alter, nehmen die Einsamkeit, die Isolation, die Verbitterung über verpasste Chancen
zu? Tritt diese Altersgruppe deshalb nicht in Erscheinung? Sind ältere Stotternde überhaupt verbittert? Oder lächeln sie weise über ihre früheren Probleme und können nicht mehr nach vollziehen, warum ein „paar“ Sprechunflüssigkeiten
dermaßen große Auswirkungen auf ihr Befinden hatten und ihnen den Hals zuschnürten, als ob ihr Leben von „ein paar Wörtern“ abhängen würde?
Wie immer beim Stottern gibt es auch hierzu ganz unterschiedliche Erkenntnisse. Nur am Einzelfall lässt sich ablesen, welchen Stellenwert das Stottern im Leben einnimmt. Trotzdem tauchen bestimmte Lebensmuster immer wieder auf. Während manche Menschen ihre Sprechprobleme als Herausforderung annehmen können und ihr Sprechen zu einer persönlichen Stärke entwickeln, scheint für andere diese Lebensaufgabe so gut wie unlösbar. Zu diesen Mustern gehört, dass Stotternde nicht allein mit sich und ihrem Stottern leben, sondern in Koexistenz mit anderen, die an den Auswirkungen des Stotterns nicht unbeteiligt sind. Gemeinschaften setzen
Normen – auch sprecherische Normen. Sie geben Ziele und Lebensaufgaben vor und bewerten den Einzelnen anhand seines Verhaltens, seines Äußeren, seiner Fähigkeiten und natürlich seiner Sprechweise. Gemeinschaften können soziale Unterstützung bieten, sie aber auch verweigern und Menschen ausgrenzen. Merkmale wie das Stottern bedürfen immer des besonderen Schutzes der Gemeinschaft, denn sonst besteht die Gefahr der sozialen Ausgrenzung. Viele Stotternde empfinden sich als Grenzgänger. Sie müssen permanent die Balance halten zwischen dem Gefühl, anders zu sein, und dem dringlichen Wunsch, sich in der sozialen Gruppe der unauffällig Sprechenden unauffällig bewegen zu können. Ändert sich diese Sichtweise mit dem Alter, oder verstärkt sie sich eher?
„In meinem Leben spielt das Stottern so gut wie keine Rolle mehr“, sagt Gerhard, ein 65-jähriger Stotternder, der nie eine Therapie in Anspruch genommen hat. „Ich bin auch so ganz gut zurechtgekommen. Das musste ich ja auch. In meiner Kindheit hat sich dafür keiner groß interessiert. Da gab es andere Probleme. Meine Eltern haben mit mir gelitten und ich mit ihnen, ich wollte ihnen keinen Kummer machen. Ja, die Schulzeit war schwierig, mein Berufswunsch ausgeschlossen. Ich wäre gerne Lehrer geworden. Aber irgendwie hat es dann doch ganz gut geklappt. Ich bin Abteilungsleiter in einem technischen Büro geworden, und mit der Zeit hat mir das Stottern, obwohl es auch in meiner Funktion als Abteilungsleiter manchmal stark auftrat, immer weniger ausgemacht. Und je weniger es mir ausmachte, desto weniger zeigte es sich überhaupt. Verrückt nicht?! Diese Erkenntnis hätte ich als junger Mensch haben sollen. Mir wäre viel Leid erspart geblieben. Mit dem Alter hat
sich vieles relativiert. Das Leben hat einfach weniger Dramatik, man ist viel gelassener.“
Dr. Kerstin Weikert ist akademische Sprachtherapeutin und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Sie war von 1990 bis 2004 an der Heilpädagogischen Fakultät der Universität zu Köln sowie an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg in Lehre, Forschung und Therapiepraxis tätig. In dieser Zeit hat sie sich schwerpunktmäßig mit dem Thema Stottern beschäftigt und Forschungs- und Therapieprojekte geleitet. Seit 2005 ist sie hauptberuflich in einer eigenen
sprachtherapeutischen Praxis in Gummersbach tätig.
www.sprachtherapie-gummersbach.de
Ein Interview mit dem Protagonisten Jürgen Dorow.
aus: Der Kieselstein, 6/2010
»Du musst die Chancen nutzen, die sich im Leben bieten.«
Am 10. Mai 2010 haben sich Jürgen Dorow und Marion Stelter im Hamburger Literaturhaus-Café zu einem Gespräch getroffen. Das Thema war Jürgens Teilnahme bei den Filmaufnahmen zu dem aktuellen Filmprojekt des LV NRW über Stottern im Alter.
Wie ist es zu Deiner Teilnahme am Filmprojekt gekommen?
Ich habe am ’Morgentau’-Seminar im Frühjahr 2009 mit Wolfgang Wendlandt in Berlin teilgenommen. Dort hat das Filmteam aus Münster zum Anlass des Projektes: ’Stottern im Alter’ das Seminar begleitet und hat Interviews mit einzelnen Teilnehmern geführt. Michael und Udo haben mich gefragt, ob ich für weitere Filmaufnahmen zur Verfügung stehe. Ich habe gerne zugesagt.
Was hat Dich gereizt bei den Filmaufnahmen mitzumachen?
Die Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Stottern ist ein persönliches Anliegen von mir. Ich wollte mithelfen, dass das Filmprojekt gelingt.
Welche Erfahrungen hast Du dabei gemacht?
Ich habe gesehen, mit wieviel Aufwand so ein Film gemacht wird. Es ist sehr viel Arbeit. Dabei habe ich meine Freude an der Schauspielerei entdeckt. Wir haben Szenen aus meinem normalen Alltag aufgenommen, z.B. ein Gespräch bei meiner Sparkasse und auf dem Wochenmarkt, wo ich immer einkaufen gehe. Bei den Aufnahmen habe ich eine Rolle gespielt und auch mein Stottern zum Teil verstärkt. So etwas hatte ich davor noch nie gemacht. Es war ja reiner Zufall, dass ich in diese Situation gekommen bin und dann hat es mir großen Spaß gemacht.
Wie oft habt Ihr Euch getroffen?
Das erste Mal in Berlin beim Seminar, dann waren Michael und Udo 2 Tage bei mir zuhause in Hamburg. Da gab es leider Probleme mit dem Wetter. Es war sehr windig, dadurch war bei den Außenaufnahmen der Ton gestört. Dann bin ich noch zwei Mal nach Münster gefahren um Situationen durchzuspielen. Und auch beim letzten Bundeskongress in Köln wurden weitere Aufnahmen gemacht.
Wie war das Gefühl vor der Kamera für Dich?
Ich hatte überhaupt kein Problem damit, mein Stottern öffentlich zu zeigen. Es gab eine Situation beim Wendlandt Seminar, wo ich mich an eine sehr unangenehme Situation aus meinem früheren Berufsleben erinnert habe und die alten Gefühle mich noch mal berührt haben. Ich konnte am Anfang meines Berufslebens meinen Namen am Telefon sehr schlecht sagen. Nach meiner Therapie bei Jürgen Kellner
vor 28 Jahren in Hamburg begann für mich ein neues Leben, man kann sagen, eine neue Zeitrechnung. Ich war wie ein neuer Mensch. In dieser Gruppentherapie nach Van Riper war es für mich besonders wichtig, dass Jürgen Kellner Psychologe ist. Insbesondere meine schrägen Gedanken, Phantasien und inneren Dialoge wurden bearbeitet. In dieser Zeit bin ich auch zur Selbsthilfe gekommen, die mir auch nach 28 Jahren noch sehr viel bedeutet.
Wie hat die Selbsthilfe Dein Leben verändert?
Heute versuche ich mit vielen Menschen ins Gespräch zu kommen, um meine Freude an Kommunikation auszuleben. Als ich zu den Filmaufnahmen mit der Bahn nach Münster gefahren bin, hatte ich jedes Mal intensive Gespräche mit meinen Mitreisenden. Es ist für mich ’gelebte’ Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Stottern. Ich versuche immer mit Menschen in Kontakt zu kommen und ihnen etwas von meinen Erkenntnissen zum Stottern mitzugeben. Zwei Punkte sind mir immer wichtig: Augenkontakt halten und nicht das Wort aus dem Mund nehmen. Das gebe ich allen mit auf den Weg. Für Stotternde ist es wichtig dem Gesprächspartner zu sagen, wie er es haben möchte. Ich habe durch diese Art von Gesprächen noch nie Ablehnung erfahren. Ich habe aus meiner Not eine Tugend gemacht. Die Seminare, die ich jetzt noch besuche, sind wie ein Trainingslager für mich, eine Art erwartungsloses Üben. Ich bin immer noch motiviert etwas zu tun – nicht viel, aber etwas. Ausserdem habe ich durch den Kontakt zur Selbsthilfe-Szene immer eine große Freude.
Gibt es etwas, das Du anderen Stotternden mit auf den Weg geben möchtest?
Mir ist wichtig Mut zu machen, es ist nie zu spät an seiner Lebensqualität zu arbeiten. Das Stottern muss nicht mehr so wichtig sein. Man kann etwas tun – aber man muss es schon selber tun. Besonders im Alter, denn dann kommt keiner mehr, der sagt: »Wollen wir am Stottern arbeiten?« Das muss man selbst tun. Dafür ist die Selbsthilfe, auch gerade für ältere Menschen gut geeignet.
Noch ein paar Sätze zu Deinem Lebenslauf?
Ich habe 35 Jahre im Verlagswesen gearbeitet. Die ersten 14 Jahre waren sehr anstrengend. Ich habe mich durchgemogelt und das Sprechen vermieden. Nach der Therapie waren Reden, Organisieren und viel Telefonieren selbstverständlich und der Hauptteil meiner Arbeit. Meine Kollegen haben immer Anteil an meiner Therapie gehabt und alles mitgemacht. Trotz Stottern hatte ich ein erfülltes, erfolgreiches Berufsleben – durch die Therapie und die Selbsthilfe. Ich bin seit 43 Jahren verheiratet, habe einen Sohn und zwei Enkeltöchter. Jürgen Kellner hat immer gesagt: »Der Stotterer sollte der Kapitän sein und das Steuerrad fest in der Hand haben, um nicht dem Stottern hilflos ausgeliefert zu sein.«
Besprechung und Aussagen zum Film:
Aussagen zum Film Stottern im Alter:
„Wir fanden den Film sehr ansprechend und authentisch. Die Thematik wurde anschaulich und verständlich dargestellt. Der Film zeigte uns neue Umgangsmöglichkeiten im Dialog mit Stotterern und korrigierte teilweise Unwissenheit oder falsche Verhaltensweisen, da der Umgang mit Betroffenen für uns bisher eher selten stattfand.
Den Film empfinden wir als Einstieg in die Thematik und zur Aufklärung sehr gut geeignet.“
Kurs 33, Fachseminars Altenpflege, St. Franziskus, Münster
„Der Film ist gut aufgemacht, sehr informativ und gut verständlich durch die Übungen, die im Film gezeigt werden.“
„Es ist alles sehr dezidiert erklärt und man kann sich vorstellen, wie man sich als Stotterer fühlt und wie man sich als Nicht-Stotterer verhalten sollte. Einige Regeln zur Gesprächsführung waren sehr hilfreich.“
„Es ist alles ausführlich erklärt, es werden private Erfahrungen vorgestellt. Man kann sich in den Stotterer einfühlen und versteht wie man sich verhalten soll.“
„Der Film war sehr gut zu verstehen, man kann sich in den Film hineinversetzen. Einige Regeln waren sehr hilfreich.“
„Den Film würde ich weiterempfehlen, weil alles, was ich wissen muss, in dem Film gut erläutert ist.“
Einzelaussagen von Schülerinnen und Schüler des
Fachseminars Altenpflege, St. Franziskus, Münster
Wenn Reden zur Qual wird
Von Anita Grasse
Sie stolpern immer wieder über einzelne Buchstaben, eine Blockade macht flüssiges Sprechen unmöglich: Für Stotterer werden schon kurze Gespräche zur Tortur.
Stotternde Kinder und Jugendliche haben inzwischen eine Plattform. Ihre Probleme werden wahrgenommen, Therapien sind entwickelt und werden verbessert. Doch was ist mit denen, die vor 50, 60 oder 70 Jahren stotternde Kinder waren? Vorurteile, die selbst heute noch im Hinterkopf vieler Menschen existieren, galten damals als Tatsache. „Das Kind hat eine nervöse Störung. Es will nur Aufmerksamkeit. Es denkt schneller, als es spricht.“ All das mussten sich Kinder und ihre Eltern anhören − und nichts davon ist wahr. Fakt ist, die Ursachen des Stotterns sind noch nicht endgültig geklärt. Es handelt sich dabei um eine Störung des Sprachfluss, die nichts mit der Persönlichkeit oder der Intelligenz des Betroffenen zu tun hat. Fakt ist auch, dass sich das Stottern bei vielen Kindern mit der Pubertät verliert. Doch manche müssen auch als Erwachsene mit dem Sprachfehler leben − bis ins Alter. Stotternde Senioren haben bisher allerdings kaum Beachtung gefunden und noch weniger Hilfe. Dabei leiden auch sie unter den alltäglichen Einschränkungen − oft schon ein ganzes Leben lang. Wer vor jedem Gespräch Angst hat, weil er die mitleidigen oder ungeduldigen Reaktionen fürchtet, landet irgendwann in der Isolation. Dabei gibt es auch noch im Alter Möglichkeiten, das Stottern mit geeigneten Therapien und Sprechtechniken in den Griff zu kriegen, wenn eine echte Heilung auch fast unmöglich ist. Wie Senioren mit dem Stottern leben, zeigt ein neuer Film der Stotterer-Selbsthilfe NRW. Betroffene Senioren kommen darin ebenso zu Wort wie Experten. Die Beiträge sollen Stotterern helfen, ihre Isolation zu durchbrechen. Gleichzeitig sollen nicht betroffenen Zuschauer erkennen, dass es wenig hilfreich ist, die Sätze des Stotternden zu beenden oder ihm gut zuzureden. „Nichtstotterer sollten lernen zuzuhören, den Gesprächspartner ausreden zu lassen und Blickkontakt zu halten“, erklärt Sprachheilpädagogin Angelika Schindler im Begleitheft der DVD.
aus: Thüringer Allgemeine, Erfurt
20. September 2010
Rezension
aus: Sprache – Stimme – Gehör, März 2011
www.thieme.de/fz/ssg-buecherecke.html
Georg Thieme Verlag, Stuttgart
...Neben vielen eindrücklichen Interviews mit Betroffenen kommen unterschiedliche Stotterexperten zu Wort. Zum Beispiel zeigt der Film einen Ausschnitt aus einem Seminar mit Prof. Dr. Wolfgang Wendlandt und ein Interview mit diesem, in dem er ausdrücklich auf Therapiemöglichkeiten in jedem Alter hinweist. Des Weiteren werden Tipps zum Umgang mit Stotternden vermittelt und verschiedene Therapiekonzepte (Van Riper, Andreas Starke, Kasseler Stottertherapie, Holger Prüß) dargestellt. Am Ende der DVD werden unter dem Motto „Experte in eigener Sache“ Informationen zur bvss und zu Aktivitäten der Selbsthilfegruppen gegeben.
Das beiliegende Begleitheft enthält weitere Interviews und gibt detaillierte Informationen zum Stottern. Film und Buch bieten sich nicht nur für ältere Stotternde an, sondern haben aufgrund der Authentizität eine Vorbildfunktion auch für junge Betroffene. Auch für SchülerInnen/ StudentInnen im Bereich der Logopädie bietet der Film einen guten Einblick in die Thematik.
Fazit: Empfehlenswert!!
Birte Ripken, Hannover